Zurück zum Blog
Wissenschaft

Warum Karteikarten verblassen (und was wirklich funktioniert)

Veröffentlicht am 6. Februar 20267 Min. Lesezeit

Du kennst das. Du hast eine Stunde lang spanische Vokabeln gepaukt. Mesa heißt Tisch. Silla heißt Stuhl. Du hast dich sicher gefühlt. Zwei Tage später zeigt jemand auf einen Tisch und dein Kopf ist leer.

Es liegt nicht an dir. Es liegt an der Methode.

Das schmutzige Geheimnis der Karteikarten-Apps

Karteikarten-Apps dominieren das Sprachenlernen seit einem Jahrzehnt. Sie basieren auf Spaced Repetition — einem echten kognitionswissenschaftlichen Prinzip, das besagt, dass das Wiederholen von Informationen in zunehmenden Abständen die Erinnerung verbessert. Die Wissenschaft dahinter ist real. Das Problem ist, was wir unser Gehirn bitten zu erinnern.

Wenn du „mesa → Tisch" auf einem Bildschirm siehst, kodiert dein Gehirn ein visuelles Muster: schwarzer Text, weißer Hintergrund, die Form der Buchstaben. Das war's. Es gibt keinen Tisch in deinem Kopf — nur Symbole, die auf andere Symbole zeigen.

Deshalb kannst du ein Wort in deiner Karteikarten-App „kennen" und es trotzdem nicht abrufen, wenn du es tatsächlich brauchst. Der Abrufreiz (ein echter Tisch, ein Gespräch, eine spanische Speisekarte) stimmt nicht mit dem Lernkontext überein (dein Handybildschirm um 23 Uhr).

Psychologen nennen das Encoding Specificity: Wir erinnern uns am besten an Dinge, wenn der Abrufkontext mit dem Lernkontext übereinstimmt. Karteikarten schaffen einen Lernkontext, der nirgendwo im echten Leben existiert.

Was dein Gehirn wirklich will

Hier ist etwas, das Sprachlehrer seit den 1960er Jahren wissen: Körperliche Bewegung hilft Vokabeln haften zu bleiben.

James Asher entwickelte 1969 die Total Physical Response (TPR) Methode, nachdem er beobachtet hatte, wie Kinder ihre Muttersprache lernen — nicht durch Übersetzung, sondern durch Handlung. Ein Elternteil sagt „gib mir die Tasse" und das Kind reicht physisch die Tasse herüber. Das Wort und die Handlung verschmelzen.

Ashers Forschung zeigte, dass Schüler, die physisch auf Befehle reagierten, Vokabeln deutlich besser behielten als jene, die nur zuhörten oder wiederholten. Der Körper tat etwas, das die Karteikarte nicht konnte: eine motorische Erinnerung neben der verbalen schaffen.

Aber TPR hatte eine Einschränkung. Man brauchte einen Klassenraum, einen Lehrer, der Befehle gab, und physische Objekte zum Manipulieren. Es war nicht skalierbar.

Embodied Cognition: Die Wissenschaft holt auf

In den Jahrzehnten seit Ashers Arbeit haben Kognitionswissenschaftler ein vollständigeres Bild davon gezeichnet, wie Gedächtnis funktioniert. Das Feld heißt Embodied Cognition, und sein zentrales Ergebnis ist: Denken ist nicht nur etwas, das in deinem Kopf passiert. Dein Körper ist Teil des kognitiven Systems.

Wenn du das Wort „drücken" lernst, speichert dein Gehirn nicht nur eine abstrakte Definition. Es aktiviert dieselben motorischen Bereiche, die du zum tatsächlichen Drücken verwenden würdest. Wenn du „bitter" lernst, leuchtet dein gustatorischer Kortex auf. Konzepte sind in sensorischer und motorischer Erfahrung verankert — ein Muster, das in der frühen Kindheit beginnt und beeinflusst, wie wir Sprache ein Leben lang verarbeiten (Wellsby & Pexman, 2014).

Das hat direkte Auswirkungen auf das Vokabellernen:

  • Wörter, die mit begleitenden Gesten gelernt werden, werden besser erinnert als verbal gelernte Wörter (Macedonia & Knösche, 2011)
  • Physisches Ausführen während des Lernens verbessert die Erinnerung sogar Wochen später (Engelkamp & Zimmer, 1984)
  • Multisensorische Kodierung schafft redundante Gedächtnisspuren — mehr Wege zum Abruf (Shams & Seitz, 2008)

Die Forschung ist einheitlich: Den Körper beim Lernen einzubeziehen schafft stärkere, dauerhaftere Erinnerungen als visuelles Wiederholen allein.

Warum die meisten Apps das ignorieren

Wenn verkörpertes Lernen so effektiv ist, warum nutzen Sprach-Apps es nicht?

Teilweise weil es schwer umzusetzen ist. Karteikarten sind rechnerisch trivial — Karte zeigen, Karte umdrehen, wiederholen. Interaktionen zu bauen, die physische Bewegung, Umgebungssensorik und kontextuelle Reaktion beinhalten, ist wirklich schwierig.

Aber hauptsächlich, weil die Metriken Erinnerung nicht belohnen. Apps optimieren für täglich aktive Nutzer, Serien-Zähler und Sitzungsdauer. Ein Nutzer, der 50 Wörter in einer Woche lernt und 40 davon vergisst, wird immer wiederkommen. Ein Nutzer, der 20 Wörter lernt und sich an alle erinnert, könnte sich „fertig" fühlen und aufhören.

Das Geschäftsmodell der meisten Sprach-Apps hängt davon ab, dass du Vokabeln nicht effizient behältst.

Ein anderer Ansatz

Wie sähe es aus, Embodied-Cognition-Prinzipien auf eine Sprach-App anzuwenden?

Man müsste:

  1. Wörter an physische Aktionen binden — keine willkürlichen Gesten, sondern Bewegungen, die sich sinnvoll mit der Wortbedeutung verbinden
  2. Umgebungskontext nutzen — Licht, Ton, Orientierung, Standort — damit der Lernkontext reichhaltig und vielfältig ist
  3. Emotionales Engagement schaffen — Erinnerung ist stärker, wenn uns wichtig ist, was passiert
  4. Die Wiederholungsmühle vermeiden — wenn die Kodierung stark genug ist, sollte man dasselbe Wort nicht 50 Mal pauken müssen

Das ist das Prinzip hinter Sensonym. Wenn du „adelante" (vorwärts) lernst, neigst du dein Handy nach vorne, um durch eine Geschichte zu navigieren. Wenn du „oscuridad" (Dunkelheit) lernst, deckst du die Kamera deines Handys ab, um eine Szene in Dunkelheit zu tauchen, während eine Figur sich vor Gefahr versteckt. Jedes Wort wird mit einer physischen Empfindung und einem emotionalen Moment verknüpft — nicht mit einer Karte, die du um 23 Uhr angetippt hast.

Es ist keine Karteikarte. Es ist ein Gedächtnisanker.

Der Kompromiss

Verkörpertes Lernen ist nicht schneller als Karteikarten. Du wirst nicht 100 Wörter in einer Sitzung durchrasen. Die Interaktionen brauchen Zeit — du machst physisch etwas, statt nur „einfach" oder „schwer" zu tippen.

Aber hier ist die Frage, die sich zu stellen lohnt: Willst du 100 Wörter sehen, oder willst du 30 davon in einem Monat können?

Karteikarten-Apps messen Fortschritt in wiederholten Wörtern. Verkörpertes Lernen misst Fortschritt in Wörtern, die du tatsächlich verwenden kannst, wenn du sie brauchst.

Probier es selbst

Bevor du irgendetwas herunterlädst, teste das Prinzip mit einem Wort, das du gerade lernst:

  1. Wähle ein Wort mit einer physischen Komponente (ein Verb, eine Richtung, eine Empfindung)
  2. Sage das Wort laut, während du eine verwandte Handlung ausführst
  3. Wiederhole das 3-4 Mal an verschiedenen Orten über den Tag verteilt
  4. Bemerke, wie leicht du es abrufen kannst im Vergleich zu Wörtern, die du nur gelesen hast

Wenn das Experiment für dich funktioniert, bist du vielleicht ein kinästhetischer Lerner, der seit Jahren gegen Karteikarten kämpft. Es gibt jetzt bessere Methoden.


Sensonym nutzt die 15+ Sensoren deines Handys, um physische Vokabel-Anker zu schaffen. Geschichten, die du erlebst. Wörter, die du dir merkst. Jetzt kostenlos testen


Referenzen

Asher, J. J. (1969). The Total Physical Response Approach to Second Language Learning. The Modern Language Journal, 53(1), 3-17.

Engelkamp, J., & Zimmer, H. D. (1984). Motor programme information as a separable memory unit. Psychological Research, 46(3), 283-299.

Macedonia, M., & Knösche, T. R. (2011). Body in Mind: How Gestures Empower Foreign Language Learning. Mind, Brain, and Education, 5(4), 196-211.

Shams, L., & Seitz, A. R. (2008). Benefits of multisensory learning. Trends in Cognitive Sciences, 12(11), 411-417.

Wellsby, M., & Pexman, P. M. (2014). Developing embodied cognition: insights from children's concepts and language processing. Frontiers in Psychology, 5, 506.

KarteikartenEmbodied CognitionSpaced RepetitionGedächtnis
Hol dir die AppMit Handy scannen